«Biedermann und mein Kamm»

Gastbeitrag von Thomas Brändle, Kleinunternehmer und Schriftsteller

Bis 2010 war ich Mitglied des Zuger Kantonsrates. Durch das Amt lernte ich interessante Menschen kennen und erhielt vielfältige Einblicke, die mir als normaler Bürger fremd geblieben wären. Allerdings beschlich mich auch Ernüchterung. Mehrheitsfähigkeit war oft wichtiger als das Notwendige, das Wahrhaftige. Im Roman «Das Geheimnis von Montreux» verarbeitete ich diese Erfahrungen.

2017 hatte ich mit meiner ungarischen Frau den elterlichen Betrieb, eine Cafe-Konditorei-Bäckerei übernommen, die ich 2004 meinem Bruder überlassen hatte. Ich wollte, dass das Traditionsunternehmen weiter besteht (seit 1971). Drei Jahre später der Lockdown. Das Café musste schliessen, den Laden durfte geöffnet bleiben.

Bald war das Narrativ für mich nicht mehr stimmig. Wie beim Bücherschreiben begann ich zu recherchieren. Schon bei den Vorbereitungen für ein früheres Buch mit dem weltweit renommierten Korruptionsexperten Marc Pieth staunte ich, was in der Welt der Konzerne und Organisationen wie der UNO, der FIFA oder eben der WHO möglich war. Inzwischen liegt das Exposé für die Fortsetzung des Montreux-Buches vor.

Bei meiner und bei der Nachbargemeinde war ich vor wenigen Jahren als Redner zum Nationalfeiertag eingeladen. Die sich mir dafür aufdrängenden Inhalte waren die Freiheit (auch die Freiheit selber zu denken) und die beispiellosen Errungenschaften des direktdemokratischen Rechtsstaates. Schliesslich lebe ich nicht nur unweit des Morgarten-Denkmals, auch habe ich am 15. November Geburtstag.

Als verantwortungsvoller Arbeitgeber und Ausbildner habe ich mich im Geschäft an die Vorgaben des BAG gehalten. Mit der Einführung des Zertifizierens von Menschen wurde es mir aber zu bunt. Das ewige Beweisen der eigenen Gesundheit ist nun wirklich die Kafkaeske par excellence. Im schlechtesten Fall erleben wir gerade eine fulminante Neuinszenierung von Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter», im besten Fall eine solche von Ephraim Kishons berühmtestem Roman «Der Blaumilchkanal».

Der jüdisch-israelische Autor und Shoa-Überlebende skizzierte darin, wie die Regierung eine vermeintlich ausweglose Situation, in die sie sich selbst manövriert hatte, zu ihrem Vorteil nutzte, um der aufkochenden Wut des Volkes zu entgehen.

Auch Dürrenmatts «Die Physiker» drängt sich auf. Drei Physiker leben als Patienten in einer psychiatrischen Klinik. Einer von ihnen hat eine Entdeckung gemacht, die die Gefahr der Vernichtung der Welt in sich birgt und damit zur Grundfrage des Stücks nach der Verantwortung der Wissenschaft führt. Dürrenmatt verknüpft diese Thematik mit seiner Dramentheorie, nach der jede Geschichte, ausgelöst durch den Zufall, die schlimmstmögliche Wendung nehmen müsse.

Nochmals Ephraim Kishon: In dessen anderem bekannten Roman «Mein Kamm» führte er aus, wie eine unschuldige, aber wehrlose Minderheit zum Sündenbock gemacht werden könne. Mit der Tatsache, dass in jenem Roman Glatzköpfe gejagt werden, verfolgte Kishon zwei Ziele: Er zog die schrecklichen Verbrechen und Geisterfahrten der Regierenden ins Lächerliche und zeigte gleichzeitig, dass es den Menschen völlig gleichgültig sei, welche Minderheit sie ausgrenzen und sei es noch so absurd.

Noch bin ich zuversichtlich, dass es den Menschen eines Tages wie Schuppen von den Augen fällt und der Planet trotz aller schlimmen Kollateralschäden von einem gewaltigen Gelächter geschüttelt wird. Humor und Liebe zeigen den Ausweg.

Kommentare

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1 Kommentar zu „«Humor und Liebe zeigen uns den Ausweg»

  1. Die Rolle des Sündenbocks, den man uns Massnahmenkritikern zuweist, gefällt mir ganz und gar nicht. Das kann böse enden.
    Umso mehr bin ich dankbar, am nächsten Sonntag darüber abstimmen zu können, ob wir den Weg der Versklavung gehen wollen oder den Weg der Befreiung. Dass wir als einziges Volk weltweit diese Wahl haben, macht mich unheimlich stolz.

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